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Ricco
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Dabei seit: 17.05.2006
Beiträge: 297

Wie philosophiert ihr? 19.08.2006 17:46

Da es mir in der letzten Zeit oft passiert ist, dass ich in Threads mehr über meinen Philosophiestil als über meine Vorschläge, Kritiken und Argumente schreiben musste, will ich hier einmal ein ungezwungenes, ja unphilosophisches Thema eröffnen.

Wie philosophiert ihr? Wie findet ihr eure Themen? Was macht ihr als erstes, als zweites? Wann schreibt ihr einen Beitrag, wieviel überlegt ihr vorher? Was sind eure Grundeinstellungen, die euch bei allen Überlegungen begeleiten? Warum philosophiert ihr? Was wollt ihr damit erreichen? Was ist euch wichtig? ETC...

Wer will, kann natürlich auch exakte Methoden beschreiben. Aber es wäre auch schön, wenn ihr einfach drauf losschreibt und erzählt. Deswegen wäre es vielleicht auch angebracht, nicht gleich zu kritisieren, sondern höchstens mal interessiert nachzufragen.
Vielleicht findet sich bei diesem intuitiven, persönlichen Thema ja auch der ein oder die andere mal wieder ein, in letzter Zeit war die Anteilnahme an den Diskussionen ja eher auf einen kleinen Kreis von SchreiberInnen beschränkt.

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"Die Toten sind der Welt besser angepasst als die Lebenden"
Simone de Beauvoir
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Ricco
Mega-Poster


Dabei seit: 17.05.2006
Beiträge: 297

19.08.2006 18:11

Also ich philosophiere vor allem, weil es mir Spaß macht. Für mich hat die Vergeistung auch etwas von Meditation. Außerdem diskutiere ich gerne.
Ich habe schon den ein oder andern philosophischen Text gelesen und dieses Forum interessiert mich vor allem deshalb, weil es die Möglichkeit bietet, die doch oft schwerlastigen Theorien anzuwenden und ihre Praktikabilität zu testen. Auch hilft mir das hiesige Beitragschreiben beim Überprüfen, wieviel ich von dem gelesenen tatsächlich verstanden habe.
Meine philosophische Grundeinstellung ist dabei, Lösungen finden zu wollen. Wittgenstein, dem ich das Zitat in meiner Signatur verdanke, hat mal gesagt:

Philophische Probleme sind wie eine Krankheit. Sie sind Beulen, die sich der Verstand beim Anrennen gegen die Grenzen der Sprache geholt hat. Der Philosoph ist eine Art Therapeut. Er zeigt der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas.

Ich glaube - und daher bin ich tendenziell ein naiver Realist - dass alles im großen und ganzen so ist, wie es uns erscheint. Ich glaube, dass ich mich in der Regel nicht in meinen Sinneswahrnehmungen täusche, dass ich einen freien Willen habe, dass die Zukunft nicht vorherbestimmt ist, dass es Zahlen gibt, dass es einen Geist gibt, dass auch andere Menschen ein Bewusstsein haben, dass ich in der Regel weiß, was ich sage, dass ein anderer in der Regel versteht was ich meine, wenn ich etwas sage.

Viele dieser Überzeugungen sind mit mehr oder weniger gutem Recht anzweifelbar. Mir ist es wichtig, solche Zweifel zu verstehen, also herauszufinden, wodurch sie entstehen und was ihre Konsequenzen sind. Und mir ist es meistens lieber, die Zweifel zu beseitigen, was freilich nicht immer möglich ist.
Wenn zwei Theorien die gleiche Menge an Phänomenen erklären können, halte ich sie meistens für gleichberechtigt und die Entscheidung für eine der beiden für Geschmacksache. Wenn zum Beispiel zwei Theorien menschliches Handeln den Fakten entsprechend erklären können und die eine von einem freien Willen, die andere von Unfreiheit ausgeht, dann würde ich mich für die erste entscheiden, da sie mir meiner Intuition und meinem Selbstverständnis besser zusammenpasst. Tatsächlich wird es allerdings kaum solche zwei Theorien geben.

Wenn ich vor einem philosophischen Problem stehe, dann überlege ich meistens zuerst, was ich mir darüber schon so alles für Gedanken gemacht habe. Dazu gehört dann auch die Erinnerung an Texte, die ich über das Thema schonmal gelesen habe. Dann versuche ich mir über das Problem klar zu werden und warum es ein Problem ist. Danach überlge ich meistens, wie wir über die zur Diskussion stehenden Dinge reden, welche Rolle sie in der Sprache spielen. Daraufhin fallen mir dann meistens sehr viele Kritiken gegen die Problemstellung oder die bis dahin angeführten Lösungsvorschläge ein. Über diese Kritik gelange ich dann manchmal - wenn alles gut geht - zu eigenen Vorschlägen.
Es ist mir eigentlich lieber, eine Problemstellung zu verwerfen, als sie zu lösen, denn es kommt mir oft so vor, als ob eigentlich gar kein Problem besteht, bzw. die Lösung eigenglich ganz einfach ist. Dann versuche ich, dies klar zu machen, indem ich die versteckte Lösung ausgrabe.

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Lyx Lyx ist männlich
zwischen den Welten


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Dabei seit: 20.02.2006
Beiträge: 663

RE: Wie philosophiert ihr? 19.08.2006 18:13

Zitat:
Original von Ricco
Wie findet ihr eure Themen? Wann schreibt ihr einen Beitrag?

Hmm, sie ergeben sich bei mir eigentlich "von selbst". Ich suche nicht gezielt nach einem bestimmten Thema oder so - sondern denke einfach darüber nach, wieso manche Dinge so sind, wie sie sind. Dabei gleite ich typischerweise von einem Thema in ein anderes - sie gehen alle ineinander über. Ein "Fokus" geschieht erst dann, wenn etwas ganz konkretes meine Aufmerksamkeit geweckt hat und ich mich frage "moment mal - da stimmt doch was nicht, wie ist das nun genau?". All diese Gedanken, mache ich mir meistens alleine für mich - weil kein anderer Gesprächspartner mit der Geschwindigkeit mithalten könnte..... Kommunikation bremst mich in solchen Momenten nur aus und ist mir zu langsam.

Zitat:
Was macht ihr als erstes, als zweites? Wann schreibt ihr einen Beitrag?

0. Selbststimulation - geschieht bei mir eigentlich pausenlos. Ich kann mich nichtmehr daran zurückerinnern, wann mir das letzte Mal "langweilig" war. Ich fühle mich fast ständig "zwischen den Welten" und fasziniert/stimuliert.
1. Garnicht gezielt nachdenken, sondern die Gedanken einfach frei schweifen lassen.
2. Etwas erweckt meine Aufmerksamkeit. Fokussion und Dekonstruktion.
3. Zusammenhänge knüpfen und Mustervergleiche.
4. Konstruktion eines Prototyps
5. Dekonstruktion des Prototyps und Skepsis. Vergleich mit der beobachtbaren Praxis.
6. Wieder Mustervergleiche und Konstruktion. Zuhilfenahme von Informationsquellen.

- wiederhole 4.-6. einige Male

- Zwischendurch greife ich möglicherweise zu grafischen Mitteln (Zettel, Stift, Diagrammprogramm) um mir Ideen besser vor Augen zu führen.

X. Wenn ich zu keinem Ergebnis komme, welches mir "sicher genug" ist, so wende ich mich an diesem Punkt an andere Personen oder manchmal dieses Forum um Ideen von außerhalb einzuholen.

Zitat:
Was sind eure Grundeinstellungen, die euch bei allen Überlegungen begeleiten?

Relativismus, Skepsis, kritischer Realismus, semantisches Denken ("Es zählen Bedeutungen, nicht Symbole"), Intuition, Empirismus, praktische Relevanz und Praxistauglichkeit, Effizienz, "gut genug ist gut genug".

Zitat:
Warum philosophiert ihr? Was wollt ihr damit erreichen?

1. Weil es mir Spaß macht.
2. Weil ich mich mit dem gewöhnlichen nicht zufrieden gebe.
3. Weil ich auf lange Sicht etwas verändern will (Buch)
4. Weil ich mit einer Lüge nicht leben kann.

- Lyx

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"Wer versucht die Seele zu definieren, verhält sich wie eine Wesen, welches verzweifelt umherschaut auf der Suche nach seinen Augen." - Lyx

Dieser Beitrag wurde 1 mal editiert, zum letzten Mal von Lyx: 19.08.2006 18:16.

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Lyx Lyx ist männlich
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Dabei seit: 20.02.2006
Beiträge: 663

19.08.2006 19:28

Hmm, mir ist nochwas eingefallen - der Grund, wieso ich ebenso die "Konstruktive Schule" vertrete wie auch die "Dekonstruktive Schule", liegt vermutlich an dem Bedürfnis von Zerstörung. Ich denke, das in jedem Menschen - mehr oder weniger - ein Bedürfnis an Zerstörung steckt... ebenso wie ein Bedürfnis an allen anderen Grundkräften.

Manche leben ihre Aggression an anderen Menschen oder Videospielen aus. Ich nutze sie einerseits als Stimulation und andererseits um Illusionen zu zerstören. Daran liegt es vermutlich auch, dass ich eine gewisse Schadenfreude empfinde, wenn ich Dinge, welche als selbstverständlich angenommen werden - welche jedoch falsch sind - zu Fall bringe. Es macht mir Spaß, Grenzen zu überschreiten und die Grundfesten von Illusionen zu erschüttern. Andere haben Angst vor dem Unbekannten - dem haltlosen - bei mir ist es genau umgekehrt - mich fasziniert das Unbekannte und die Grenzenlosigkeit - zu improvisieren, zu lernen, und mich in unbekanntem Terrain zurechtzufinden fasziniert mich. Auch weil es mir zeigt, das ich unabhängig bin. Das meine Sicherheit nicht von der Umgebung abhängt, sondern von mir selbst.

- Lyx

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